Almuth Nehring-Venus
Bezirksstadträtin für Kultur, Wirtschaft
und öffentliche Ordnung im Bezirksamt Pankow

Angebote für Senioren – Senioren als Käufer, als Verbraucher

Rede zur Veranstaltung der Seniorenvertretung Pankow
am 11. November 2005

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte hier etwas zugeben: Ich hatte mich mit dem Thema »Senioren als Käufer und Verbraucher« bis zu Ihrer Frage in der Senioren-BVV noch nie beschäftigt. Und als die Frage damals gestellt wurde, war mein spontaner Reflex »Was habe ich als Kommunalpolitikerin denn damit zu tun?«. Da Sie ja hartnäckig sind, und einer einminütigen Frage jetzt eine zweistündige Veranstaltung folgen lassen, haben Sie auch mich in Gang gesetzt. Ich habe also vor allem im Internet recherchiert, für den Anfang erst mal weniger auf den Seiten von wissenschaftlichen Einrichtungen und Instituten. Bei den Verbraucherzentralen bin ich fündig geworden, allerdings kaum auf denen der Berliner Verbraucherzentrale. Vor allem das 145 Seiten starke Material »Zielgruppenorientierte Verbraucherarbeit für und mit Senioren« der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, das im Rahmen eines Pilotprojektes der Länder Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz im vergangenen Jahr erschienen ist und im Februar diesen Jahres im Rahmen einer Veranstaltung in Berlin vorgestellt wurde, hat mir viel Stoff zum Nachdenken gegeben.

Ich halte seniorengerechte Produkte, Dienstleistungen, Infrastruktur und Beratung aus mehreren Gründen für wichtig.

Erstens, eine Gesellschaft nimmt in meinen Augen ihre Verantwortung gegenüber ihren Mitgliedern dann wahr, wenn sie sich an denen orientiert, die nicht in die Kategorie NORMAL passen. Das Alter bringt es häufiger mit sich, auch wenn es vielen jüngeren schon so geht, dass die Sehkraft deutlicher nachlässt. Die meist zu kleine und kaum zu findende Schrift auf Verpackungen, in denen über Inhaltsstoffe, Preise und anderes aufgeklärt wird, orientiert sich jedoch am NORMALEN. Wenn die Firmen hier sich auf ältere Menschen einstellen würden, hätten nicht nur sehr viele jüngere etwas davon.

In allen bisherigen Befragungen, auch bei der, an der Sie sich beteiligt haben, fordern Seniorinnen und Senioren eine seriöse, fachlich gute Beratung und Bedienung. Verkäuferinnen und Verkäufer versuchen gern älteren Menschen Auslaufmodelle aufzuschwatzen – ich frage mich, was steckt dahinter für ein Denken? Eine seniorengerechte Beratung ist eine Beratung, die für alle Käuferinnen und Käufer hilfreich wäre. Ein Verkaufsraum, der nicht zu enge Gänge hat, der Sitzgelegenheiten anbietet, der nicht mit Musik zugedröhnt ist, in dem man nicht dauernd Zickzack fahren muss, weil ständig eine Palette im Weg steht – das sind Kritikpunkte von Seniorinnen und Senioren. Jedem Elternteil mit Kinderwagen, jedem Rollstuhlfahrer, jedem jungen Menschen, dem es mal nicht so gut geht und sich mal zwischendurch setzen will, würde ein solcher Verkaufsraum auch gefallen. Seniorengerecht ist menschengerecht.

Zweitens, seniorengerechte Produkte und Dienstleistungen vermindern gesellschaftliche Ausgrenzung. Wenn es älteren Menschen mit unterschiedlichen Handicaps nicht möglich ist, teilzuhaben am gesellschaftlichen Leben, dann ist das ein erhebliches Demokratiedefizit. Da bei Banken und Sparkassen die Automatisierung rasant zunimmt, zum Beispiel, fühlen sich viele ältere Menschen in ihrem Recht auf Selbstbestimmung bei Bankgeschäften beeinträchtigt. Auch bei der Nutzung von PCs, Internet und anderen modernen Kommunikationstechnologien sind ältere Menschen häufiger von Ausgrenzung betroffen als jüngere. Nicht etwa weil Seniorinnen und Senioren kein Interesse hätten und das nicht intellektuell bewältigen könnten. Damit hat das gar nichts zu tun. Die Zugangshürden zu den neuen Techniken sind zu hoch, die Beratung und Bedienungsanleitungen sind – nicht nur für Ältere – meist ein Buch mit sieben Siegeln.

Drittens, sollten zunehmend solche Produkte und Dienstleistungen entwickelt, produziert und verkauft werden, die es älter werdenden Menschen ermöglichen, so lange wie möglich selbstbestimmt ihr Leben in ihren eigenen Wohnungen zu gestalten. Wir brauchen bei der uns bekannten demographischen Entwicklung nicht nur deutlich mehr barrierefreie Wohnungen, sondern auch pfiffige Produkte, die das tägliche Leben erleichtern.

Hier sind also Erfinder und Wissenschaftler gefragt, Unternehmer, die geschäftstüchtig sind und sich neue Märkte erschließen wollen, Gewerbetreibende und Händlerinnen und Händler, die doch dringend nach neuen Kunden suchen. Verbraucherschützer sind angesprochen, Gesetzgeber. Aber was fange ich als Kommunalpolitikerin jetzt mit meinen neuen Erkenntnissen an?

Die erste Aufgabe wäre, das Thema in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Eine Kommune und ihre demokratisch gewählten Vertreterinnen und Vertreter haben Informationspflichten. Wir brauchen dazu einen öffentlichen Diskurs. Ich sage Ihnen zu, dass ich mich als Kommunalpolitikerin daran beteiligen werde. So wurde bei dem Pilotprojekt der drei Bundesländer mit der Methode der Verbraucherkonferenzen gearbeitet. Das sind Diskussionsrunden, in denen erst mal die Situation von den Betroffenen analysiert wird, um dann Bedürfnisse und Forderungen zu formulieren. Warum sollte es nicht möglich sein, gemeinsam mit Ihnen und Ihrer Interessenvertretung Seniorenvertretung Pankow, mit der Berliner Verbraucherzentrale, mit dem Einzelhandelsverband, mit Unternehmensverbänden und der Kommunalpolitik in unserem Bezirk im nächsten Jahr eine erste Verbraucherkonferenz zu organisieren?

Eine zweite Aufgabe wäre, Aufklärungsmaßnahmen zum Einkaufen zu fördern. Wichtige Fragen wären, was sind tatsächlich nutzergerechte Produkte, was fehlt Seniorinnen und Senioren in ihrem unmittelbaren Einkaufsumfeld. Ein Wirtschaftstag oder eine andere Art von Veranstaltung in unserem Bezirk könnte sich genau mit diesem Thema beschäftigen. Es gibt einige Straßenarbeitsgemeinschaften, in denen sich Gewerbetreibende und Händlerinnen und Händler zusammen geschlossen haben. Sie suchen neue Kundinnen und Kunden. Ich sage Ihnen gern Unterstützung zu bei der Organisation eines solchen Prozesses.

Eine dritte Aufgabe wäre, auch mal gemeinsam die bezirklichen Angebote zu begutachten. So weiß ich zum Beispiel nicht genau, warum Seniorinnen und Senioren nur mit einem Anteil von unter zehn Prozent die Bibliothek des Bezirkes nutzen. Zu teuer? Der Nutzerausweis kostet 10 Euro im Jahr. Die Bibliotheken liegen immer noch verkehrsgünstig, bis auf eine Bibliothek sind alle barrierefrei. Stimmt das Angebot oder die Beratung nicht? Bibliotheken bieten mit ihren Angeboten weit mehr als Bücher, sondern auch Recherchemöglichkeiten und anderes, sie sind zunehmend kulturelle Kommunikationsorte. Auch bei der Volkshochschule sind Seniorinnen und Senioren meiner Ansicht nach unterrepräsentiert. Sind die Kurse nicht interessant genug? Was müsste sich am Angebot der Volkshochschule ändern?

So weit meine ersten Überlegungen. Ich danke Ihnen ganz herzlich, dass Sie dieses Thema mit Ihrer Veranstaltung heute das erste Mal im Bezirk aufgegriffen haben. Ich danke Ihnen für den Erkenntnisgewinn, den Sie erst mal mir gebracht haben und den ich gern auch anderen Kolleginnen und Kollegen wünsche. Kommunalpolitik hat hier eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Bleiben Sie dran, bleiben Sie hartnäckig, fordern Sie Ihre Mitmenschen, der Weg ist richtig.